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Über die Relativität von

Geschwindigkeitsbegrenzungen

 

Ein Großereignis erschüttert die physikalische Welt. Der CERN-Teilchenbeschleuniger – gebaut, um sich ein theoretisches Modell zu bestätigen, gerät zum Gotteslästerer und Kaisermörder. Ein Axiom Einsteinscher Theorie gerät ins Wanken. Entschuldigend sucht man noch nach technischen- und logischen Meßfehlern. Inzwischen werden jedoch in Fachzeitschriften erste sanfte ”Absprungsszenarien” diskutiert. Es wird in einsteinschen Überlieferungen gegraben, ob Einstein das mit dem Licht und seiner maximalen Geschwindigkeit wirklich so dogmatisch postuliert habe. Vielleicht findet sich ja noch ein Zitat im einsteinschen Nachlass, das dieses Axiom der Relativitätstheorie relativiert.

Dem physikalischen Laien scheint dieser Befund nur für eine kleine Gruppe von Physikern bedeutungsvoll zu sein. Dahinter steckt jedoch weit mehr. Auf die tatsächliche Dimension dieses Ereignisses möchte ich hier eingehen.

Das 20. Jahrhundert ist nach einer Zeit mittelalterlicher und geblütsdefnierter Verwaltungsherrlichkeit einer zentralstaatlichen Verwaltungsherrlichkeit gewichen. Die Moderne ist die Atomisierung des Individuums zu einer Vorgangsnummer, einer statistischen Größe, die es zu verwalten gilt. Möglich wird dieser Prozess durch die Erfindung neuer Technologien. Diese Entwicklung wird zunächst als Chance gefeiert, sich endlich zum Lichte erheben zu können. Doch schnell wird ein anderer Prozess bedeutungsvoll, die Entfremdung des Individuums zu seiner Umwelt und sich selbst. Ein Geflecht anonymer Agenten suggeriert, klassische Rollen zu übernehmen. So soll beispielsweise der Sozialstaates die Rolle der Familie übernehmen. Krankheits- und Altersversorgung wird mehr und mehr zu einem staatlichen Monopol. Zipperlein die früher die Großmutter mit einem wirkungsvollen Tee kurierte, beschäftigen heute den Hausarzt und mit ihm den größten globalen Industriezweig, die Pharmaindustrie.

Die Industrialisierung des Individuums erforderte auch eine neue “industriell-moderne” Sicht auf die Welt. Die muss, ganz im Geister der Aufklärung, selbstverständlich wissenschaftlich begründet sein. So entsteht mit den ersten Schritten globaler Publizität und der Erfindung eines griffigen Theorienamens der erste Donald Duck, die erste Coca-Cola der Physik: Albert Einstein und seine “Relativitätstheorie”. Es ist ein Produkt der industrialisierten Massen-Medien. Der Name atmet Zeitgeist. Alles verändert sich pausenlos. Alte Erklärungen sind plötzlich nicht mehr gültig. Die Moderne verändert die letzten Winkel des Privatlebens. So wird das 20. Jahrhundert zum Jahrhundert radikaler Dogmen. Dogmen sind beliebt, da sie scheinbar unüberschaubare Prozesse auf eine einfach Weise zu erklären wissen.

Die einsteinsche Relativitätstheorie bedient dieses Bedürfnis. Sie scheint mit einer einfachen Formel die Welt universell erklären zu können und relativiert zugleich das Bestehende. “Alles ist relativ”, ist eine Formel mit der man sich gerne anfreundet, die im Alltag für jedes unerklärliche Phänomen eingesetzt werden kann. Die Relativität ist die Materialisierung eines Fatalismus, geboren aus der Geschwindigkeit der Veränderungen in der Alltagswelt. Mit der scheinbar neuen Freiheit physikalischer Gedankenwelt postuliert der Großmeister der modernen Physik ganz nebenbei neue Axiome. Eines davon ist die Reduzierung der Geschwindigkeit des Lichtes auf ein maximales Maximum, das nicht überschritten werden könne. Gleichzeitig wird der Äther als universelles Medium für die Übertragung von Energie abgeschafft. Ab sofort gilt, Energie definiert sich aus dem Verhältnis von Masse zu ihrer Geschwindigkeit, einem Massenmodell.

Mit den Jahren bildete sich ein Seitenableger der normalen Physik, bei dem das einsteinsche Modell nicht funktioniert. Man subsummierte diese physikalischen Phänomene als Quantenphysik. Quantenphysik ist kurz gesagt die Physik, die Hilfsmodelle und unbekannte Teilchen benötigt, um die empirischen Befunde mit dem theoretischen Modell Einsteins erklären zu können. Der CERN-Teilchenbeschleuniger soll nichts anderes belegen als endlich das Teilchen zu finden, das alle seltsamen Verhaltensweisen erklärbar macht und die Teilchenphysik endlich in den Schoß der Mutter heimkehren lassen kann. Erst dann endlich ist die Relativitätstheorie das allumfassende Manifest der modernen Physik und ein Nobelpreis sicher. Fieberhaft wird geschossen und fotografiert, doch das Teilchen will einfach nicht erscheinen. Im Gegenteil, ganz nebenbei, als ungewollter Nebeneffekt eines ganz anderen Versuches, wird die magische Grenze der Lichtgeschwindigkeit überschritten.

Das Fallen eines Axioms ist das Ende seines Dogmas. Dieser Wahrheit werden sich die Gralshüter des Dogmas sicherlich nie anschließen. Seine Aura hingegen hat das Dogma damit jedoch eingebüßt. Es hat seine Autorität verloren. Das ist umso fataler, als die Geister die diesen Dämon einst beschworen, ihm auf die gleiche publizistisch-reißerische Art ein fulminantes Begräbnis bereiten werden.

Warum ist dieser Vorgang so wichtig? In der Geschichte der Technik wurde ihr Funktionieren immer im Rahmen der Modellhorizonte der relativen Erkenntnis seiner postulierten Gesetze erklärt, philosophisch, religiös oder technisch-funktional-wissenschaftlich. Technologien können daher auch nur in den Genzen dieser Modelle auf ein Maximum optimiert werden.

Neue Technik wird durch Empirie geboren. Optimiert wird sie nach den Regeln der modell-theoretischen Stellschrauben. Technologien könnten also deutlich leistungsfähiger werden, wenn sie mit alternativen Modellen erklärt werden würden. Dies setzt jedoch die Freiheit und Förderung alternativer Modellerzeugung voraus. In der Praxis werden gedankliche Alternativen jedoch verteufelt und verketzert. Ereignisse wie im CERN können aus einem Ketzer einen Heiligen machen.

Der Energieerhaltungssatz besagt, dass die Summe aller Energien konstant sei. In der Realität erleben wir jedoch, dass das Universum (als abgeschlossenes System) voller Energie steckt. Es strahlt und Blitzt und rauscht aus allen Ecken und Enden. Ergo muss es einen negativen Opponenten geben oder einen Urknall. Der Urknall erzeugt auf wundersame Weise mit einem Schlag unendlich viel Energie. Man kann sogar die Zeit berechnen, als es geknallt haben soll. Ab diesem wundersamen Punkt Null beginnt die Zeit zu laufen und endet mit dem Ende der Zeit in der Endlosigkeit, so das einsteinsche Modell. Bis zu diesem Punkt wird der Vorgang noch als Prozess beschrieben. Alles dehnt sich immer weiter aus und endet schließlich in der Endlosigkeit. An dieser Stelle des Modells wird jedoch die Konsequenz der schwarzen Löcher nicht berücksichtigt. Ein schwarzes Loch ist die Negation von Materie. Es hebt die Existenz von Materie in einer unendlich verdichteten Materie auf. Laut Energieerhaltungssatzes wird so die Kraft des schwarzen Loches vergrößert. Am Ende aller Tage werden sich also die schwarzen Löcher gegenseitig fressen. Alle andere Materie ist bereits negiert. Mit dem Ende des vorletzten schwarzen Loches negiert sich die Negation jedoch selbst. Dies ist ein guter Moment für einen neuen “Urknall”.

Soll der Energieerhaltungssatz gelten, ist eine unendliche Expansion absurd. Die Krümmung eines Raumes vertagt das eigentliche Problem nur auf die Außenwand der Krümmung des Nachbarraumes.

Energie ist die Auslenkung einer Kraft in der Zeit. Sie verläuft zwischen zwei Amplituden. Die Kraft bleibt konstant, nur ihre Richtung wechselt rhythmisch. Der Resonanzeffekt ist daher nichts anderes als die Optimierung eines energetischen Impulses zum Zeitpunkt einer identischen Ausrichtung im Raum. Jede Abweichung bedeutet Energieübertragungsverlust. Die übertragene Energie verringert sich durch den energetischen Aufwand seiner Richtungsänderung.

Das sind Grundprinzipen der Energie. Nur bei der unendlichen Expansion unseres Universums soll dieses Prinzip keine Gültigkeit mehr besitzen. Die Gesetze des Universums sind eben nur quantenphysikalisch zu erklären.

Vor Einstein erklärte man die wellenförmige Ausbreitung von Energie anhand der Existenz eines universellen Energieträgers, dem Äther. Gleich einer Flüssigkeit ist der Äther das Medium für die Übertragung von Energie. Der Äther ist mit einem Gittergerüst vergleichbar. Energie muss sich wellenförmig ausbreiten, um die gerüstartige Widerstandsstruktur des Äthers überwinden zu können. Je nach Geschwindigkeit und Richtung der Energie reagiert der Äther als Medium verschieden. Denkt man dieses Modell konsequent zu seinem Ende, spielt die Masse als Kategorie keine Rolle. Dass Masse immer eine Energie besitzt heißt noch lange nicht, dass Energie immer über eine Masse verfügen müsse und ihre Ausbreitungsgeschwindigkeit begrenzt sei. Das Modell funktioniert sofort, akzeptiert man den Äther als Medium für den Transport von massenloser Energie.

Die Menschheit feiert sich beständig über immer neue Varianten, Feuer entfachen zu können. Insofern ist die einsteinsche Relativitätstheorie eine Lagerfeuertheorie. Mit einer Lagerfeuertheorie lässt sich Gravitation nicht erklären. Die existierenden Erklärungsmodelle klingen jedenfalls noch konstruierter als die vielen verwurmten und verbogenen schwarzen und unscharfen Loch-Modelle. Vor allem haben sie alle ein Problem, sie bieten keinen Ansatz, wie Gravitation beeinflusst oder gar aufgehoben werden könnte. Wie immer ist man empirisch experimentell weiter, siehe CERN.

Vielleicht ist der überlichtschnelle Neutrino ein Geschenk der Natur an uns Menschen, endlich die physikalische Steinzeit zu verlassen, und das Kapitel einer modernen Physik aufzuschlagen. Einer Physik die frei ist von Dogmen zauseliger Professorii und ihrer abgrenzenden Modelle, und endlich das wichtigste Naturphänomen berücksichtigt: Erkenntnis ist relativ.

 

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Pink Floyds Werke werden dieser Tage als Remaster neu aufgelegt. Ich habe mir ihre wichtigste LP geladen und in verschiedener Umgebung angehört. Die nachfolgende Rezension ist eigentlich eine Liebeserklärung an eine Stimmung und Schwingung, wie sie nur diese Musik erzeugen kann.

Pink Floyd in Traumbesetzung 1980

Pink Floyd in Traumbesetzung 1980

Am geilsten klingt Wish you where here auf Schallplatte. Meine erste Schallplatte war dieses Meisterwerk von Pink Floyd. Und ich habe sie täglich mehrfach gehört. Entsprechend veränderte sich auch der Klang. Gerade die leisen Passagen bekamen dieses spitze Prasseln abgenudelter Plattenrillen. Ich hatte es gehaßt. Jede Zärtlichkeit mit meiner Freundin wurde unterbrochen, denn ich musste genau hinhören wie es wieder so ätzend prasselte und knisterte. Schließlich bekam sie in Wish you where here auch noch einen Sprung. Ich bin gestorben und konnte mich nur sehr schwer damit anfreunden. Freunde denen ich die Platte immer und immer wieder vorspielte schauten mich dann ganz betroffen an.

Pink Floyds Sound war damals außerirdisch intergalaktisch jenseitig jeder Beschreibung. Und auf meinem Ziphona Türkis mit Nussbaumfurnier und integriertem Verstärker klang das wie eine neue und fremde Dimension des Hörens. Kein anderer Sound erreichte jemals wieder diesen warm vibrierenden  Tiefenrausch, jede Faser meines Körpers zum Schwingen bringend.

Dann das erste Gitarren-Solo das ist meine musikalische Sozialisation. Shine on you crazy diamond kann man so schön schmachtend mitschreien. Dazu das Feadback der Band. Da war ich einer von denen. Wegen wish you where here habe ich Gitarre spielen gelernt und spiele es immer wieder, gerade wenn ich down bin. Wahrscheinlich ist diese Platte meine psychologische Betreuung in der Pubertät gewesen. Sie hat mich getröstet oder angeheizt oder einfach nur mitgerissen in eine klangliche Traumwelt.

Die CD habe ich dann kaum noch gehört. Das dudelte nur noch so ab. An verschiedenen Stellen an denen ich immer dachte, meine Platte würde eine Macke haben, waren es übersteuerte Pegelspitzen der Aufnahme selbst. Auf der CD klang es nackt und schlecht, wie eine dumm gelaufene Aufnahme eines schlafmützigen Ton-Ingenieurs. Und das ausgerechnet in der Hymne selbst, dem verrückten Diamanten.

Heute klickt nicht mehr der Saphir auf der Rille, heute ist es der Reloadklick des Browsers. Das passt dann wieder zu den knarzigen und brummenden Übergängen in der Machine. „Welcome“, Ich kam damals im Traum nicht auf den Gedanke wie es wäre, es zu liegen, seinen Jaguar zu lieben. Aber insgeheim gehörte ich mit dieser Musik zu ihnen, war einer von ihnen. Das wichtigste an Welcome… ist der Zynismus. Er läßt Spielraum für alle erdenklichen philosophischen Erklärungen von Sinn und Leben. Pink Floyd war der Kontrast, der Gegenentwurf für eine banale Welt teilnahmsloser plaudernder Gestalten, die sich an volksmusikalischem Gedudel ergötzten.

Ob der Remaster seine 10 Euro Wert ist, weiß ich nicht. Der Sound ist brillanter und detaillierter. Vor allem die Bässe sind runder geworden und die übersteuerten Höhen sind ausgebügelt. Am besten klingt es aus meinem Autoradio. Vor allem deshalb, weil ich nirgends sonst die Musik ungestraft so laut stellen könnte. Der versetzte Orgelanschlag von Roger Waters klingt noch etwas aufgesetzter und das Gitarren-Solo von David Gillmore noch präziser und knackiger.

Wenn digital, dann empfehle ich die Live-Version. Da gibt es richtige Performance und die Bühnensituation bügelt die Kälte der Digitalisierung aus. Auf jeden Fall freue ich mich auf die remasterte Schallplatte. Die gibt es dann hoffentlich auch in einer schweren Pressung.

 

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Rezension der Ausstellung Körperwelten

 

 

Das Innere des menschlichen Körpers ist eine faszinierende und unbekannte Welt.  Er ist ein Kosmos der nur in Abstraktionen wie Herz oder Lunge präsent ist. Unter die Haut sehen zu können, ist ein Privileg der Chirurgen und Pathologen. Aber schon dem gewöhnlichen Hausarzt bleibt dieser Blick verwehrt. Er muss seine Diagnosen im Blindflug stellen. Hagens Ausstellung Körperwelten bricht diese Rollen auf. Seine Plastinate offenbaren die inneren Zusammenhänge und Technologien. Abstrakte Begriffe bekommen eine Form und einen Ort. Das Wichtigste aber ist, dass die ernährungsbedingten Veränderungen des Körpers eindrücklich sichtbar werden. Vielleicht sind es genau diese Eindrücke die Hagens auf die Rückseite seines Kataloges schreiben lassen: „Mein Leben als Arzt, Anatom und Plastinator hat mir gezeigt, dass das Leben die große Ausnahme ist, der Tod hingegen Normalität.“.

Hagens ist ein Aufklärer der uns hilft, sich ein wenig von den Agenten der Gesundheits- und Krankheitsindustrie zu emanzipieren. Der Blick auf die Plastinate ist ein Blick in den eigenen Körper. Ein Blick der nach wie vor tabuisiert ist und von Einigen als Respektlosigkeit gegenüber den ausgestellten Menschen angesehen wird. Von Hagens ficht das kaum an. Im Gegenteil, er setzt noch eins drauf und inszeniert seine Ausstellungsstücke in kleinen provokanten Szenen. Diese Szenen geben der Ausstellung eine Frische, die bei konservativ wissenschaftlichen Ausstellungen nie vorkommen werden. Die durch den kommerziellen Erfolg erreichte Unabhängigkeit erlaubt von Hagens eine angenehme Freiheit vor den Dogmen wissenschaftlicher Seriosität.

Erstaunlicher Weise wirken die Inszenierungen nicht geschmacklos. Vielmehr wird die Sicht auf die Blutgefäße, Muskeln und Knochen durch dieses Arrangement normalisiert, besser noch trivialisiert. Ob Geschlechtsakt oder Pokertisch. Der Haut entledigt sehen diese Wesen aus wie feinmechanische Meisterwerke. Gelenke werden über meterlange Sehnen angesteuert, die sich mit ihrer weißen Masse bis tief in den Muskel ausbreiten.

Umso ärgerlicher ist es, dass in der Ausstellung das Fotografieren verboten ist. Nur ein flüchtiger Blick aufs Handy scheucht mahnende Ordner auf die in ihrem Ton eher an ein Untersuchungsgefängnis und nicht an einen Ort der Erleuchtung erinnern.

Die aktuelle Ausstellung im Postbahnhof am Ostbahnhof in Berlin steht unter dem Motto „Eine Herzenssache“. Der Themenschwerpunkt wird bei den ersten Exponaten aufgegriffen. Doch bereits im zweiten Raum stehen die Plastinate wie sie schon immer in den „Körperwelten“ stehen. Einigen der in Polymere vergossenen Gewebe sieht man ihre lange Reise in die Ausstellungen dieser Welt bereits deutlich an. Hier verlieren sie ihre Aura, ihre Ästhetik der Funktionalität.

Mich haben vor allem die metabolischen Organe und Drüsen interessiert. Leider differenziert von Hagens hier nur in seltenen Ausnahmen. Auch die Plastination ist eine abstrahierte übersetzte Sicht auf den Körper. Bei aller Ausgeflipptheit der Arrangements  verharrt Hagens im Kanon der klassischen Medizin. Säuberlich sind weißes Körperfett, Gekröse und endlose Bindehaut entfernt worden. Von ihrer Existenz zeugen nur noch Stummelchen an den Gelenken und Organenden. Ursprünglich rotes Muskelfleisch ist inzwischen genauso blass grau-braun wie das  alles umgebende Fettgewebe, bzw. Bindegewebe. Die deutliche Trennung zwischen rotem und weißem Gewebe weicht der gräulichen Soße eines in Alkohol eingelegten Präparate. Bei einer Gesamtdarstellung der Blutgefäße im Kopf wird dagegen alles komplett rot eingefärbt. Diese Exponate erscheinen wie in einen Farbtopf gefallen. Lediglich die Struktur gibt noch einen ästhetischen Reiz.

Für mich sind daher die Querschnitte durch einzelne Organe oder ganze Körper die ehrlichsten und informativsten Exponate. Die Gegenüberstellung zweier männlicher Körper, einem 150 Kilo-Mann und einem „Normalgewichtigen“ im Querschnitt lässt jeden Besucher raunen. Deutlich werden die Dimensionen sichtbar, wie sehr Verfettung den Körper verändert und ihn mutieren lässt. Ähnlich eindrücklich sind die verkalkten und mutierten Aorten. Hilflos erscheinen die sich bereits neu verkalkenden Stents in den endlosen Massen an Kalkablagerungen und Gewebsveränderungen der Aderoberfläche. Diese Aorten sehen aus wie das Innere uralter Abflussrohre und nicht wie die Transportbahnen menschlichen Blutes.

Von Hagens ist ein Künstler. Seine Präsentationen haben einen ästhetischen Anspruch. Darunter leidet mitunter der informative Wert. Das macht die Ausstellung aber umso sehenswerter. Der angebotene Katalog hat eine hohe gestalterische und drucktechnische Qualität und ist mit seinen 280 Farbseiten für 19 Euro ein Schnäppchen.