Augen

Augen

 

Augen verbergen ein Geheimnis. Symbolisch in Fell und Flügel gebrannt, dienen Augen assoziierende Muster in der Tierwelt als Abwehrwaffe. Und in der menschlichen Vorstellung werden leblose Dinge zu Persönlichkeiten, sobald sie Augen tragen. Es beginnt zu sehen. Augen lassen sich symbolisch auflösen. Der untere Lidstrich wird zu einem Boot. Die Pupille wird zu einer Sonnenscheibe und der obere Lidstrich zum Horizont des Universums.

Beseelter Djet-Pfeiler mit Augen.

Zwischen den Lidern ist der Augapfel eingeschlossen wie in einem Ei oder einer Vulva. Wie Sonnenstrahlen verlaufen die Linien der Iris strahlenförmig aus einem dunklen und mysteriösen Zentrum. Beseelt wird es durch den reflektierenden Funken eines Lichtstrahls. Sein Träger erscheint alt und krank, ist es trüb. Das Lebenslicht ist erloschen, sobald Augen ohne jede Reflexion starren.

Augen sind ein Indikator für die körperliche Verfassung ihres Trägers. Naturheilkundler haben die verschiedenen Muster der Iris, ihre Farbe und Position detailliert kartographiert und bestimmten körperlichen Leiden zugeordnet. Es reicht jedoch schon ein flüchtiger Blick, um etwas über den Gemütszustand des Blickenden zu erfahren. Augen sind ein wesentliches Element der Kommunikation, sendend und empfangend. Treffen sich die Blicke, werden unweigerlich Informationen ausgetauscht.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Gestalt der Augen veredelt wird. Große dunkle Augen wirken kindlich, neugierig, schutzbedürftig und süß. Dünne und enge Augenschlitze wirken dagegen verschlagen, verschlossen und hinterhältig.

Und tatsächlich erscheinen in den Augen Anmutung und Charakter eines Menschen. Als kleines Kind bestaunt es die Welt mit faszinierten und neugierigen riesigen Kulleraugen. 60 Jahre später ist das Gesicht zerfurcht und eingedickt. Von den Augen sind nur noch kleine Sehschlitze übrig geblieben. Jegliche Neugierde und Verwunderung sind aus dem Blick gewichen.

Die Schulmedizin erklärt dieses Phänomen damit, dass das kindliche Auge nicht wie der restliche Körper wachsen würde. Daher seien die Augen von kleinen Kindern, in Relation zur Kopfgröße, so groß. Die Größe der Augen sind das wesentliche Merkmal für das Kindchenschema eines Gesichtes.

Umso irritierender ist es, wenn ein erwachsenes Gesicht mit den Augen eines Kindes

große Augen

große Augen

ausgestattet ist. Augentropfen die lediglich die Pupille weiten heißen, ob ihres Effektes, “Bella Donna”. Große klare und dunkle Augen wirken anziehend und rein. Ihr Blick ist hypnotisch und entwaffnend. Klimpert eine Frau mit ihren angeklebten Wimpern einem Mann in die Augen, gehen bei dem die Hormone durch. Durch den Sinneseindruck der Augen läßt sich das menschliche Gehirn in einen hypnotischen Zustand versetzen. Und das dritte Auge beginnt zu sehen, erreicht sein Träger einen neuen Grad der Erkenntnis und Reinheit.

Cartesianisches Theater

Cartesianisches Theater, Quelle: Wikipedia

 

 

 

Sinn und Instrument des Auges sind eng mit dem Denken und der Vorstellung von der umgebenden Realität assoziiert. Der Augenschein wiegt mehr als jeder noch so analytische Satz. Ein Blick sagt mehr als tausend Worte.

Descartes Wahrnehmungsmodell

Descartes Wahrnehmungsmodell, Quelle: Wikipedia

Alles scheint perfekt und logisch. Doch diese Welt ist scheinheilig. Dem Sehnerv des menschlichen Auges sind Kontrollinstanzen vorgeschaltet, die das empfangene Bild zensieren und interpretieren. In Modellen menschlicher Wahrnehmung wird gar von einem Homunculus philosophiert, der dem menschlichen Gehirn das Abbild seiner Wahrnehmung mitteilt (Descartes, Locke, Ryle, Denett).

 

 

 

 

 

 

Tatsächlich scheint unser Körper alles dafür zu tun, uns das Sehen zu erschweren. Es beginnt mit einer Schicht aus Hornhaut, die im Laufe der Zeit immer trüber wird und auf der eigentlichen Linse sitzt. Sie wird immer dicker und verändert schließlich den Verlauf des Lichtes so stark, dass der Fokus mit einer Brille korrigiert werden muss.

Hornhaut auf dem Auge geht zurück

Hornhaut auf dem Auge geht zurück. Nach Behandlung mit der modifizierten Essens Typ I. Rückbildung der Hornhaut, noch halb die Iris bedeckend. Deutlich ist die unterschiedliche Lichtbrechung zu sehen. Die Iris unter der Hornhaut ist unscharf, die befreite hingegen deutlich in ihrer Oberflächenstruktur zu erkennen. Die Iris darunter ist teilweise noch mit weißen Bindegewebsfäden und Bindegewebsflächen bedeckt.Das im Augapfel reflektierte Abbild wird durch einen kleinen Fleck auf der den Augapfel umspannenden Netzhaut verarbeitet. Zu allem Übel liegt dieser Wahrnehmungsfleck auch noch außerhalb der tatsächlichen Sehachse. Die Sehnerven, in Lumina unterteilt, kreuzen sich, jedoch nur zum Teil. Wir sehen mit jeder Gehirnhälfte das linke und das rechte Bild. Doch bevor der Impuls tatsächlich die Sehrinde im Gehirn erreicht, teilt er sich noch einmal und wandert zunächst in die Kniehöcker des Zwischenhirns und zu einem kleinen Teil in den Hypothalamus.

Das ideale Auge würde die gesamte Netzhaut – und nicht nur den stecknadelkopfgroßen gelben Fleck – mit allen Zapfen und Stäbchen, die gesamte Projektionsfläche des Augapfels verarbeiten. Es gäbe keine „schützende“ Hornhaut, die das Licht filtert und bricht. Die Sehnerven würden direkt und ohne Umwege in die Sehrinde münden. So ausgestattet könnte es einen deutlich größeren Frequenzumfang des Lichtes wahrnehmen. Der nächtliche Sternenhimmel würde in allen Farben des Regenbogens aufleuchten.

Was wir letztendlich sehen – oder auch nicht – sind lediglich Lichtreflexe. Lichtreflexe eines sehr kleinen Ausschnittes existierender Strahlung. Wärme können wir genau so wenig sehen, wie harte Röntgenstrahlung. Objekte die nur in diesen Frequenzen strahlen, sind für uns gar nicht sichtbar. Die uns nahe verwandten Delphine können mittels Sonar, ihren eigenen Scheinwerfer einschalten und “sehen” die Reflexionen mit ihrem Kleinhirn. Vielleicht ist das dritte Auge die Metapher für die Fähigkeit, so sehen zu können.

Uns selbst bezeichnen wir als Krone der Schöpfung. Allein bei den Augen wird uns im Tierreich in vielfältiger Form vorgeführt, dass wir eigentlich blind sind. Wie passt das zusammen? Spielt, besser sehen zu können, in der Evolution eine untergeordnete Rolle? Können wir vielleicht Vorteile aus dieser Form der Lichtverarbeitung ziehen? Nein. Und es kommt noch schlimmer. Mit zunehmenden Alter benötigen die Augen immer mehr Licht, um Dioptrienfehler, ausgelöst durch die wachsende und immer trüber werdende Hornhaut auf der Linse, ausgleichen zu können. Auch der gelbe Fleck auf der Netzhaut – verantwortlich für unsere miserable Sehleistung – wird immer kleiner und wächst langsam zu. Es scheint genetisch vorprogrammiert, eines Tages blind zu sein.

Warum spielt dann dieses gequälte Organ in der mythischen Ikonographie eine so zentrale Rolle? Vielleicht weil der physische Verfall im Lebensverlauf in so krassem Widerspruch zur Endlosigkeit einer Augenabbildung steht? Vielleicht sind Augen aber auch ein Indikator für den Status körperlicher und geistiger Reinheit. Man muss nicht einmal stark übergewichtig sein, dass einem die Augen mit der Zeit zu kleinen Sehschlitzen – zu Schweinsäuglein – verwachsen. Selbst bei weit aufgerissenen Augen bleibt immer ein Teil der Pupille von einem der Lider bedeckt.

Mona Lisa korrigiert

Mona Lisa korrigiert. Mona Lisa ist der zweite Aufguss eines Gemäldes, das Leonardo da Vinci bereits in den 1490er Jahren malte: La Belle. Auf diesem Bild wurden die verunglückten Konturen der Mona vorsichtig an das Original angepaßt. In der Anmutung kommt der Pinselstrich des Meisters durch.

Mit einem Gemälde hat uns Leonardo da Vinci das Antlitz einer erwachsenen Frau mit kindlich freien Augen überliefert. La Belles Augen präsentieren, scheinbar ohne Anstrengung irgend eines Gesichtsmuskels, die vollständige Pupille. Dies ist umso eindrücklicher, als das der Mona Lisa nur noch kleine zugewachsene Schweinsäuglein aufgemalt wurden.

Vergleich der Augen von Leonardos La Belle und einem zweiten Gemälde, Mona Lisa. Es ist die gleiche Vorlage, nur beim zweiten Mal wurde das Porträt etwas rundlich und die Augen schwollen zu.

Vergleich der Augen von Leonardos La Belle und einem zweiten Gemälde, Mona Lisa. Es ist die gleiche Vorlage, nur beim zweiten Mal wurde das Porträt etwas rundlich und die Augen schwollen zu.

Kannte da Vinci eine Methode, die Augen zu öffnen? Sind große und kindliche Augen vielleicht ein Indikator, Zeichen für einen körperlich und geistig reinen Menschen, einen Lichtmenschen? Sind die photorealistischen Augen von La Belle eine Botschaft an die Nachwelt? “Seht her, ich weiß wie es geht…”

Tatsächlich ist die Metapher vom Öffnen der Augen der zentrale Kern agnostischer Metaphysik. In den Apokryphen des Johannes wird die Erweckung des Schlafenden beschrieben. Pronoia steigt in die zweite Hölle der Menschen und erweckt den Auserwählten. “Öffne Deine Augen und sieh.”, ist die Aufforderung, sich der eigenen Situation bewußt zu werden. Das Dunkel der Welt wird sichtbar, im Licht der Erkenntnis, erleuchtet durch Hermes Trismegistos, Prometheus und Lucifer.

 

2014-05-31T06:31:21+00:00By |